#Porträt eines Harsewinkelers aus Syrien: Khaled

Khaled und seine kleine Tochter

Khaled erzählt von seinem Weg nach Harsewinkel.

Khaled habe ich in der Fahrradwerkstatt an der Oase kennengelernt. Als ich ihn und seinen Kollegen Friedhelm zu ihrem Engagement interviewte, merke ich schnell, dass Khaled viel zu erzählen hat. Also bitte ich ihn, mir ein bisschen mehr von seinem Leben zu erzählen – einem Leben, das mir so fremd scheint.

 

Khaled: Das ist eine lange Geschichte. Ich heiße Khaled und komme aus Syrien. Seit über zwei Jahren bin ich in Deutschland, seit dem 20. Dezember 2015 in Harsewinkel.

Ich komme ursprünglich aus der Stadt Daraa im Süden von Syrien, direkt an der Grenze zu Jordanien. Dort gibt es viele Bauern, die Gemüse und Oliven anbauen. Es ist eine sehr schöne Gegend – auch wenn einem heute wohl überall Bewaffnete entgegenkommen.

Von Beruf her bin ich Elektriker. Nach dem Abitur habe ich eine zweijährige Ausbildung gemacht. Vormittags habe ich in der Berufsschule gelernt und nachmittags in einer Firma gearbeitet. Das war sehr wichtig für mich.

Danach bin ich für zwei Jahre zur Armee gegangen. In Syrien müssen alle jungen Männer Militärdienst leisten, es sei denn, sie sind die einzigen Söhne aus ihrer Familie. Meine Familie ist sehr groß. Ich habe vier Brüder und drei Schwestern. Also mussten meine Brüder und ich alle zum Militär.

Nach der Armee bin ich nach Zypern geflogen und habe dort im griechischen Teil fast drei Jahre lang als Elektriker gearbeitet. Als ich nach Syrien zurückkam, habe ich meine eigene kleine Firma eröffnet. Vormittags habe ich dann als Elektriker gearbeitet und nachmittags Spritzgießmaschinen programmiert, so etwa acht Jahre lang.

Dann begann der Krieg in Syrien. Wir mussten uns entscheiden, entweder war man auf Assads Seite und kämpfte in der Armee oder man war gegen Assad. Neutralität war nicht möglich. Ich wusste, dass das falsch ist und habe überlegt, was ich tun soll. Ich habe ja auch eine Familie. Eines Tages hat dann eine Bombe mein halbes Haus zerstört.

In Syrien ist uns Familie sehr wichtig. Jedes Wochenende (bei uns ist das Wochenende Donnerstag und Freitag) kommt die ganze Familie zusammen, sogar mit Großeltern, wenn diese noch leben. Wir essen, tauschen Neuigkeiten aus, spielen Karten und so weiter. Das fehlt mir sehr!

Damals haben meine Verwandten mich den Babysitter genannt, weil ihre Kinder immer mit mir spielen wollten. Wenn ich dann mal einkaufen musste oder so, haben immer alle geweint. Einmal, das letzte Mal in Syrien, habe ich die Kinder meiner Schwester und meines Onkels mitgenommen. Mit meinem Auto wollte ich in die Stadt fahren und hinten saßen bestimmt zehn Kinder. Am Kontrollpunkt der Armee haben sie mich gefragt, wessen Kinder das seien. Ich habe es ihnen gesagt, aber sie haben mir befohlen, die Kinder zurückzubringen und dann wiederzukommen. Das habe ich getan und dann wurde ich festgenommen. 28 Tage später haben sie mich wieder freigelassen. Meine Schwester hat danach viele Fotos von meinen Verletzungen gemacht. Mir wurden Zähne ausgeschlagen. Aber sie haben mir nie gesagt, warum ich festgenommen wurde.

Meine Frau N. und ich waren damals vielleicht einen Monat verheiratet. Wir sind danach in den Libanon geflohen. Aber selbst dort habe ich noch einen Brief von Assads Armee bekommen, dass ich eingezogen werden soll, für Assad kämpfen soll. Bis in den Libanon haben sie mich verfolgt! Deshalb mussten wir weiter fliehen und sind schließlich nach Deutschland gekommen.

Meine ganze Familie ist geflohen. Es wäre sehr gefährlich für sie gewesen zu bleiben, nachdem ich geflohen bin. Jeder hätte meinetwegen festgenommen werden können. Meine Mutter lebt heute bei einem Bruder in Jordanien. Eine meiner Schwestern lebt in der Türkei. Zwei meiner Brüder sind in Gießen und ein anderer ist in den Niederlanden. Meine Mutter und meine Schwestern habe ich seit vier Jahren nicht gesehen, immer nur übers Internet. Und jedes Mal, wenn ich mit meiner Mutter telefoniere, dann weint sie.

Die Familie meiner Frau N. kommt aus dem Norden Syriens, aber sie leben heute im Süden von Damaskus. Zwei von N.s Geschwistern leben in Idlip. Dort ist es ein bisschen wie in Ghuta. Alles ist kaputt. Eine ihrer Schwestern ist auch im Libanon. Vor vier Monaten ist einer ihrer beiden Brüder wegen des Kriegs gestorben. Er war erst 28 Jahre alt. Sie hatte ihn sehr lieb! Aber was kann man machen…

Und nun sitze ich hier und versuche Deutsch zu lernen. Die Prüfung mit Niveaustufe A2 habe ich bereits abgelegt. Jetzt bereite ich mich auf B1 vor. Und ich würde gerne ein Praktikum als Elektriker hier in Harsewinkel machen! Falls jemand Hilfe braucht, bin ich gerne dabei!

N. und ich haben drei Kinder. Die beiden ältesten, M. (4 Jahre) und H. (2 Jahre und 8 Monate) sind im Libanon geboren. Sie bringen mir nach dem Kindergarten fast jeden Tag ein neues Wort auf Deutsch bei. Unsere Jüngste ist erst 1 ½ Monate alt. N. träumt davon, als Sekretärin zu arbeiten, sobald unsere Jüngste alt genug ist und N. richtig Deutsch gelernt hat. Sie guckt viele Cartoons, um die Sprache besser zu lernen. Aber eigentlich wäre mehr Kontakt mit Deutschen viel besser.

Wir haben schon viele nette Leute in Harsewinkel kennengelernt. Aber die Deutschen haben nie viel Zeit. Hier heißt es immer arbeiten! [lacht]

Am besten gefällt mir die Freiheit hier und die Sicherheit natürlich!

 

Falls Ihr Ideen habt, wo Khaled als Elektriker im Praktikum oder in ähnlichen Berufsfeldern durchstarten könnte, dann lasst es uns gerne wissen. Wir leiten Tipps und Empfehlungen sehr gerne weiter!